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Neuhof-Lehrling Alessandro: «Man muss das Heim als Chance anschauen, nicht als Gefängnis»

22/06/2017

von Désirée Ottiger — az Aargauer Zeitung
Zuletzt aktualisiert am 19.6.2017 

Alessandro Jakob hat seine Schreinerpraktiker-Lehre bestanden – im Sommer startet er eine weitere Ausbildung. Der Neuhof bietet Platz für männliche Jugendliche, die besondere pädagogische Massnahmen brauchen.

Wenn Alessandro Jakob von Lastwagen spricht, leuchten seine Augen. Die Fahrzeuge sind seine grosse Leidenschaft. In der Freizeit hilft er seinem Vater, der beruflich Lastwagenchauffeur ist, beim Putzen und Pflegen des Gefährts. Das war schon immer so, erzählt der 19-Jährige: «Ich sass schon als kleiner Junge im Lastwagen, die Leidenschaft dafür wurde mir quasi in die Wiege gelegt.»

Den Wunsch, die Leidenschaft auch beruflich auszuüben, musste er vor vier Jahren aber vorerst auf Eis legen. Damals nämlich kam er ins Berufsbildungsheim Neuhof nach Birr.

Der Neuhof bietet Platz für männliche Jugendliche, die besondere pädagogische Massnahmen brauchen. Im Neuhof können sie wohnen, arbeiten und zur Schule gehen. Zurzeit leben in der Institution rund 40 Jugendliche, einer von ihnen ist eben Alessandro Jakob.

Der junge Mann mit kurz geschorenem Haar und Tattoos auf den Armen absolviert hier eine Ausbildung zum Schreiner. Den Beruf hat er nicht gelernt, weil er es unbedingt wollte, aber er musste sich damals für einen Beruf entscheiden, den man intern im Neuhof erlernen kann. Dazu gehören beispielsweise Maler, Metallbauer oder Gärtner. Alessandro Jakob entschied sich für den Schreinerberuf, weil das Material schön zu bearbeiten sei, wie er sagt.

Kreative Abschlussarbeit

Vor kurzem hat er aus besagtem Material seine Abschlussarbeit gefertigt. Für die Abschlussarbeit gilt in der Neuhof-Schreinerei: Wer anständig tut, darf als Abschlussarbeit machen, was er will. Wer nicht anständig tut, bekommt eine Vorgabe vom Lehrmeister. Alessandro Jakob durfte selber entscheiden, wie seine Arbeit aussehen soll. Entstanden ist ein Bürotisch mit integrierter LED-Beleuchtung. Von der Idee bis zur Ausführung hat er alles daran selbst gemacht.

Vor vier Jahren kam Alessandro Jakob in den Neuhof. Davor war er in einem Heim und in einer Pflegefamilie. Wegen familiärer Probleme konnte er damals nicht mehr zu Hause leben. Im Neuhof besuchte er zuerst das Berufsvorbereitungsjahr. Dann begann er seine Lehre. Wegen Schulterproblemen musste er ein Lehrjahr wiederholen. In den vier Jahren hat er die drei Wohnstufen des Neuhofs durchlaufen.

Teilt mit Nebenstift die Wohnung

In seiner jetzigen Stufe, der Stufe drei, lebt er weitgehend selbstständig. Zusammen mit seinem Nebenstift bewohnt er in Lenzburg eine Wohnung, die vom Neuhof finanziert wird. Im Sommer wird er ausziehen müssen. Dann gehts für ihn zurück in die Wohnung, wo auch seine Mutter und seine Schwestern leben. Angst, dass es wieder Probleme geben könnte, hat er nicht. Er habe sich stark verändert in den vier Jahren, sagt er und fügt an: «Vor vier Jahren musste nur jemand etwas Dummes sagen und es flog ein Stuhl durch die Luft. Heute sehe ich das viel gelassener.»

Man kann sich vorstellen, dass da, wo sich viele männliche Jugendliche häufen, das Zusammenleben nicht immer einfach ist. Doch Alessandro Jakob betont, dass es gut funktioniert: «Vielleicht bekommst du mal die Hartnäckigkeit der Sozialpädagogen zu spüren oder hast lautstarke Auseinandersetzungen mit ihnen, aber die Mitarbeitenden kommunizieren unmissverständlich, sodass das Zusammenleben klappt.»

«Viele haben Drogenprobleme»

Ein grösseres Problem sieht Jakob in den Drogen: «Viele hier haben Drogenprobleme, wenn du selber keine Drogen nimmst, ist es schwierig, zu widerstehen.» Im Grossen und Ganzen habe ihm das Leben im Berufsbildungsheim Neuhof aber viel gebracht, sagt Jakob und ergänzt: «Man muss den Neuhof als Chance anschauen und nicht als Gefängnis.»

Alessandro Jakob hat die Chance genutzt. Während seiner Zeit im Neuhof konnte der 19-Jährige eine Lehre abschliessen, und dank dieser kann er nun im Sommer eine Zweitausbildung beginnen. Dann dreht sich endlich auch sein Arbeitsalltag um seine grosse Leidenschaft und er kann das machen, was er schon immer wollte: eine Ausbildung zum Traumberuf Lastwagenchauffeur.

Quelle: Aargauer Zeitung 

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